Archiv für August, 2000

Und rastlos sinkt die Titanic – Nachdenken über einen beispiellosen Filmerfolg –
Faszination Untergang

(Essay von Dirk Schneider in: Neues Deutschland/Berlin am 21.03.1998)

Die Apokalypse findet täglich statt: auf großen Leinwänden. Katastrophen haben Konjunktur. Erdbeben, Wirbelstürme, Insekteninvasionen, Sternenkrieg und Strahlentod – der Schrecken kennt kaum noch Steigerungen im Kino. Und doch gelingt es Hollywood immer wieder, noch eins draufzusetzen. Nun mußte das wahre Inferno her: Die spektakulärste Schiffskatastrophe des Jahrhunderts, der qualvolle Tod von Menschenmassen auf hoher See, der Untergang der Titanic. Untergangsstimmung herrschte zeitweilig auch auf dem Set, denn das aufwendige Opus drohte zum finanziellen Desaster zu werden, das die Kosten, die es verschlang, möglicherweise nicht mehr einspielen würde. Mittlerweile hat der Spielfilm „Titanic“ bereits über eine Milliarde US-Dollar eingebracht!

Der Boom setzt sich auch in anderen Bereichen fort. Bei einer Versteigerung haben die letzten telegraphischen Funksprüche der Titanic für insgesamt 220 000 D-Mark die Besitzer gewechselt. Der teuerste war: „Wir haben einen Eisberg gerammt“.

Hollywood hat ein gutes Gespür für solche Stimmungen. Da paßt die Gigantonomie der bis dato teuersten Filmproduktion aller Zeiten gut ins Marketingkonzept. 200 Mio US-Dollar, soviel war einigen Hollywoodbossen das Untergangsspektakel der „Titanic“ von James Cameron, dem Regisseur von „Terminator“ und „Alien -Die Rückkehr“. wert. Dafür mußte die Titanic noch einmal untergehen. In Mexiko wurde ein riesiges Wasserbecken aufgebaut, mit Meerwasser gefüllt und ein originalgetreuer Außennachbau der Titanic darin versenkt. Es wurden actionreiche Bilder der Katastrophe benötigt, um sie neben die Dokumentaraufnahmen der echten, am Meeresboden vor sich hinrottenden Titanic schneiden zu können. Bewußt wird in dem Film auf die ganz großen Stars verzichtet, das Spektakel soll Vordergrund stehen. Gleichzeitig bietet die Tragödie den prachtvollen Hintergrund eines klassischen Liebes-Melodrams. Mit Camerons Film ist der vorläufige Gipfel in der Katastrophenkonjunktur erreicht.
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