Und rastlos sinkt die Titanic (Dirk Schneider)

Und rastlos sinkt die Titanic – Nachdenken über einen beispiellosen Filmerfolg –
Faszination Untergang

(Essay von Dirk Schneider in: Neues Deutschland/Berlin am 21.03.1998)

Die Apokalypse findet täglich statt: auf großen Leinwänden. Katastrophen haben Konjunktur. Erdbeben, Wirbelstürme, Insekteninvasionen, Sternenkrieg und Strahlentod – der Schrecken kennt kaum noch Steigerungen im Kino. Und doch gelingt es Hollywood immer wieder, noch eins draufzusetzen. Nun mußte das wahre Inferno her: Die spektakulärste Schiffskatastrophe des Jahrhunderts, der qualvolle Tod von Menschenmassen auf hoher See, der Untergang der Titanic. Untergangsstimmung herrschte zeitweilig auch auf dem Set, denn das aufwendige Opus drohte zum finanziellen Desaster zu werden, das die Kosten, die es verschlang, möglicherweise nicht mehr einspielen würde. Mittlerweile hat der Spielfilm „Titanic“ bereits über eine Milliarde US-Dollar eingebracht!

Der Boom setzt sich auch in anderen Bereichen fort. Bei einer Versteigerung haben die letzten telegraphischen Funksprüche der Titanic für insgesamt 220 000 D-Mark die Besitzer gewechselt. Der teuerste war: „Wir haben einen Eisberg gerammt“.

Hollywood hat ein gutes Gespür für solche Stimmungen. Da paßt die Gigantonomie der bis dato teuersten Filmproduktion aller Zeiten gut ins Marketingkonzept. 200 Mio US-Dollar, soviel war einigen Hollywoodbossen das Untergangsspektakel der „Titanic“ von James Cameron, dem Regisseur von „Terminator“ und „Alien -Die Rückkehr“. wert. Dafür mußte die Titanic noch einmal untergehen. In Mexiko wurde ein riesiges Wasserbecken aufgebaut, mit Meerwasser gefüllt und ein originalgetreuer Außennachbau der Titanic darin versenkt. Es wurden actionreiche Bilder der Katastrophe benötigt, um sie neben die Dokumentaraufnahmen der echten, am Meeresboden vor sich hinrottenden Titanic schneiden zu können. Bewußt wird in dem Film auf die ganz großen Stars verzichtet, das Spektakel soll Vordergrund stehen. Gleichzeitig bietet die Tragödie den prachtvollen Hintergrund eines klassischen Liebes-Melodrams. Mit Camerons Film ist der vorläufige Gipfel in der Katastrophenkonjunktur erreicht.

Warum sind solche Unglücksfälle mit all ihren Schrecken so anziehend? Sind die ökonomischen und ökologischen Krisen in der „wahren“ Welt nicht schlimm genug? Was ist so faszinierend an der Apokalypse, gerade in unserer Zeit? Wenn der Film eine Chiffre für gesellschaftliche Tendenzen ist, wie es Adorno beschrieben hat, dann gilt es, diese Chiffren zu entschlüsseln. Denn in ihnen scheinen sich die Neurosen und psychopatischen Züge unserer Gesellschaft zu spiegeln. Die Filme des Desasters scheinen Bilder für das zu finden, was die Menschen bewegt.

Nun ist die Verfilmung von Cameron nicht die erste – mittlerweile sind es um die 40 – und garantiert nicht die letzte. Die bedeutendste der Vergangenheit ist sicher die gleichnamige, im Nazi-Deutschland von Herbert Selpin 1942 gedrehte. Obwohl der Film das Prädikat „staatspolitisch wertvoll“ erhielt, wurde er in Deutschland verboten und nur in den besetzten Gebieten gezeigt. Offenbar hatte Selpin die Untergangsstimmung zu suggestiv In Bilder gebannt. das paßte nicht zur offiziellen Propaganda im „Tausendjährigen Reich“.

Mit dem Untergang der R.M.S. Titanic am 15. April 1912 versank der Glaube an die Unfehlbarkeit menschlicher Technik. Sie hatte als Krönung der technischen Errungenschaften ihrer Zeit gegolten, das unerschütterliche Vertrauen in die Zukunft und eine bessere Welt verkörpert. Selpins Film entstand zu einer Zeit, in der technischer Fortschritt für die größten Verbrechen der Weltgeschichte, für faschistischen Krieg und Völkermord mobilisiert wurde. Das brachte einen besonderen Zynismus in den Streifen, machte aber gerade damit das Drama des vermeintlich untilgbaren Luxusdampfers zu einem Sinnbild der Geschichte unseres Jahrhunderts.

War Camerons Film an der Schwelle des 21. Jahrhunderts als Abrechnung mit unserem Technikglauben oder als Warnung gemeint? Sein Titanicfilm beginnt in der Jetzt-Zeit. Ein Schatzsucherteam will einen Edelstein bergen, der Millionen Dollar schwer ist. Mit modernster Technik wird nach diesem Schatz gefahndet. Das Reizvolle an solch einer filmischen Konstruktion liegt in der Begegnung von heutigem Know-how mit dem von vor 86 Jahren. Doch es entspinnt sich kein kritischer Technikdiskurs. Statt dessen ist die Geschichte des Schmuckstücks lediglich Aufhänger für die Rückblende und eine voyeuristische Sicht auf die historischen Ereignisse. Mit dem Technikglauben wird sich also keineswegs kritisch auseinandergesetzt.

Tragende Idee ist die Faszination des Untergangs. Damit entspricht „Titanic“ einer Tradition von Katastrophenfilmen, die in den 70er Jahren begründet wurde. Streifen wie „Die Höllenfahrt der Poseidon“ (1972), „Erdbeben“ (1974) oder „Der Weiße Hai“ (1975) verweisen auf die gleichen beiden Hauptlinien des Genres, wie wir sie auch heute wiederfinden: Natur. und Technikkatastrophen. Zu ihnen gesellen sich die Horrorfilme mit ihren Monstern und Mutanten. Auch der „Krieg der Sterne“ von Georg Luchs begann in dieser Zelt, nämlich 1977. Besonders markant an der Star-Wars-Trilogie ist. daß sie im letzten Jahr als aufgepeppte Version, mit modernster Computeranimation in unsere Kinos kam. Damals wie heute soll offenbar ein besonders hohes Angstpotential im Alltag der Menschen bedient werden.

Doch der Zukunftsangst der Menschen in den 70ern standen positive Utopien gegenüber. Im Katastrophenfilm dieser Zeit wurde lustvoll das Grauen Inszeniert. Er bietet konkrete Bilder für diffuse Ängste der Menschen an. Die Bedrohungen, der Individuen im Film werden stellvertretend für die Bedrohungen der Menschen im Zuschauerraum abgewendet. Selbst wenn am Schluß oft das Gefühl zurückbleibt, daß die Gefahr nicht für immer gebannt ist, so ist Hoffnung selbst in der ausweglosesten Situation vorhanden. Das Faszinosum Angst und Schrecken kann so bedenkenlos genossen werden.

Demgegenüber empfinden die Menschen ihren Alltag heutzutage wesentlicher hoffnungsloser. Der Reichtum in dieser Welt konzentriert sich zunehmend auf die Wirtschaftszentren der Nordhalbkugel und hier wiederum auf einen immer kleineren Teil der Bevölkerung. Ihm steht eine wachsende Armee der Armut gegenüber. In der BRD sind dies Millionen von Menschen, die Angst um Ihre Zukunft haben. Zu den ökonomischen Krisen gesellen sich die politischen und schließlich die ökologischen. Die Probleme sind erkannt, doch die politisch Handelnden beschränken sich auf deren Sachverwaltung. Fortschrittliche gestalterische Kräfte, die Probleme lösen könnten, sind in unserer Gesellschaft kaum wahrnehmbar. Es wird lieber der sogenannten Politikverdrossenheit und dem Werteverfall das Wort geredet. Restaurative Kräfte in Politik und Wirtschaft versuchen erfolgreich, diese Situation für ihre Ziele auszunutzen. Es fehlen die großen, positiven Utopien der 70er Jahre.

Dieser gesellschaftspolitischen Situation wird Cameron in gewisser Weise gerecht. Der Zuschauer hat gleich zu Beginn des Films das Ende der Titanic, die Katastrophe, vor Augen. Im diffusen Scheinwerferlicht der U-Boote wird uns ein Mythos vorgestellt. Es geht nicht mehr um die Verhinderung der Katastrophe, sondern um ihre Inszenierung: letztendlich um die Art und Weise, wie wir untergehen. Die Faszination der Apokalypse verliert den Effekt einer Katharsis. Die Faszination des Schreckens paart sich mit dem betrachtenden Fatalismus.

Vor diesem Hintergrund wird in Camerons Film eine melodramatische Liebesgeschichte installiert. Aus der verschwenderischen und im Luxus schwelgenden Ersten Klasse kommt die junge Rose. Doch ihre Familie ist verschuldet, so steht sie schon am Rande des sozialen Abstiegs. Lediglich die Heirat mit einem der reichsten Männer der Welt kann sie aus dieser mißlichen Lage retten. Allerdings führt die anstehende Hochzeit bei der kraftvollen, natürlich empfindenden Rose nicht zu Glücksgefühlen, sondern zu Selbstmordgedanken. Kurz vor dem Sprung in die Fluten des Atlantiks wird sie von einem jungen, lebensfrohen und gutaussehenden Mann gerettet. Das ist der Künstler Jack, der natürlich mittellos ist und in der Dritten Klasse reist. Beide werden ein Liebespaar.

Der extreme Unterschied der Klassen wird von Cameron immer wieder betont, bleibt aber oberflächlich. Die Reichen sind dekadent, arrogant und snobistisch, während die Armen in der Dritten Klasse lebensfroh, lustig und gutmütig dargestellt werden. Wahre Lebensfreude existiert nur bei den einfachen Leuten. Ein Klischee aus der Hollywoodfabrik. Kritik an der gesellschaftlichen Situation gibt es nur am Rande, ohne daß die Verhältnisse in Frage gestellt werden. Von einem Aufruf zur Revolte ganz zu schweigen. Der Rückzug ins private, kleinbürgerliche Glück, das in der Ehe gipfelt, wird propagiert. Unterschiede zwischen den Menschen sind überwindbar – durch Liebe.

Zwei wesentliche Bedeutungen kommen hier der Liebesbeziehung von Rose und Jack zu. Einerseits verkörpern sie das gesellschaftliche Ideal bürgerlicher Wertvorstellungen schlechthin, andererseits kann mit diesem Ideal jede Katastrophensituation bestanden werden. Das paßt in die heutige Zeit. Die Betonung individuellen Glücks prägt heute mehr denn je den Lebensalltag. In der Gesellschaft findet kein Normenkampf mehr statt zwischen Individuum und politischem System. Auch gibt es kein einheitliches Aufbegehren der Unterprivilegierten innerhalb einer geschlossenen Gruppe. Heute ist der Kampf gegen die Konformität der Masse angesagt. Gesellschaftliche Schichten zersplittern in Kleinstgrüppchen und werden. so zu Minderheiten. Die Menschen definieren sich nicht durch ihre Funktion im Produktionsprozeß, sondern durch ihren Lebens- und Konsumstil.

Besonders in den Jugendkulturen bestätigt sich dieser Trend. Hier ist Techno nur eine von Dutzenden Musikrichtungen, die ein bestimmtes Outfit, eine gewisse Lebenshaltung und entsprechendes Verhalten bedingen. Selbst in solch einer für Außenstehende scheinbar einheitlichen Musikkultur gibt es große Differenzierungen. Tendenziell versteht sich die Technoszene als eine Art »kollektiver Liebesbewegung«, ohne jegliche politische Ausrichtung. Nicht christliche Nächstenliebe, sondern die Liebe zum Konsum und zum Genuß des Augenblicks sind ihre Inhalte. Was morgen kommt, ist unwichtig. An diesem Punkt treffen sich Camerons Titanicfilm und Techno, beiden ist Fatalismus gemeinsam.

Eine filmisch tradierte melodramatische Konstruktion erweist sich damit als hochaktuell. Vor allem Rose sucht den Genuß des Augenblicks. In ihm erschöpft sich auch schon ihre Emanzipation. Umgeben von einer patriarchalisch bestimmten Welt, will sie nicht mehr und nicht weniger, als ihre sexuelle Freiheit erkämpfen.

Dramaturgischer Höhepunkt der Geschichte ist der Untergang. Dort angelangt, wird dem Zuschauer eine beeindruckende Vorstellung verschiedenster Todesstürze geboten. Massenhaft sehen wir Menschenleiber, deren einzige Funktion es ist, möglichst effektvoll auf markante Schiffsaufbauten zu prallen. Zusammen mit den Dokumentaraufnahmen und historisch korrekten Informationen bietet uns Cameron nichts anderes als Infotainment im Kinoformat.

Unzufriedenheit mit der eigenen Lebensrealität erweckt im Menschen den Wunsch nach Veränderung. Langeweile und Routine des Alltags müssen durchbrochen werden. Die Erfahrung von Angst bietet einen Ausweg an: Thrill und Spaß, die gegen die alltäglichen Ängste stark zu machen scheinen. Während die einen an Gummibändern von Brücken in die Tiefe springen, versuchen es andere mit furchterregenden Filmbildern.

Wie im Kino steht auch im Fernsehen nicht die Normalität im Zentrum von Filmstoffen oder Reportagen, sondern die Abweichung. Nicht die liebevolle Mutter ist interessant, sondern die ihre eigenen Kinder mordende. Entblößer, Kinderschänder und Vergewaltiger sind von nervkitzelndem Interesse, Perversionen und psychische Defekte werden kultiviert. Fernsehmagazine wie „Explosiv“ oder „taff“ benutzen Gewalt und vorzugsweise Sexualverbrechen, um damit ein „attraktives“ Werbeumfeld zu schaffen. Mit der Visualisierung der Ängste. vermeintlicher und wahrer Schreckensbilder in Film und Fernsehen, werden diese kultiviert. Die Ursachen der Angst aber bleiben bestehen. Mit ihnen soll der Mensch zu leben lernen.

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Dieser Text wird bereitgestellt von iminform
Autor: Dirk Schneider (1998)
Erstveröffentlichung in Neues Deutschland/Berlin am 21.03.1998

Bitte stets das Urheberrecht des Autors/der Autorin beachten
(s.a. Hinweise zu Zitieren und Urheberrecht).

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