Peter Hoff über Robin Detje, Frank Castorf: „Provokation aus Prinzip“

Buchbesprechung von Peter Hoff (Berlin)

Robin Detje: Castorf – Provokation aus Prinzip

Berlin (Henschel) 2002 (271 S., zahlr. Abb.)

Robin Detje, achtunddreißigjähriger ausgebildeter Clown und Schauspieler aus Lübeck, jahrelang schreib- und weltgewandter Theaterkritiker großer deutscher Blätter, glaubt in dem Ostberliner Theaterchaoten Frank Castorf eine wesensverwandte Seele gefunden zu haben. Er verfährt mit ihm wie einst Brechts Herr K. mit Menschen, an denen ihm etwas lag: Detje machte sich einen Entwurf von Castorf und trachtet auf zweihundertsiebzig Buchseiten danach, dass er ihm ähnlich werde. Der Castorf dem Entwurf. Wer Castorf und sein Theater nicht kennt, mag vielleicht das Original im Detje-Entwurf erkennen wollen. Für den, der auch nur einige wenige Inszenierungen des Berliner Volksbühnen-Chefs gesehen hat, wird die von Detje behauptete Ähnlichkeit fragwürdig finden.

Fragen tun sich auf: Wer oder was ist Frank Castorf – der permanente Selbstbespiegler? Der karrierebewusste Aufsteiger? Ein Oblomow aus dem Ost-Berliner Prenzl. Berg? Der ins DDR-Staatsgefängnis eingesperrt gewesene Ostjunge mit der ungestillten Westsehnsucht? Der Stolz der alteingesessenen Eisenwarenhändlerfamilie, die ihn nicht aus den umsorgenden Händen lässt? Der Liebhaber bedeutender Frauen, die gemeinsam mit ihren Familien dem Lover den Weg nach oben bereiten? Die DDR-Theaterlandschaft der siebziger und achtziger Jahre – ein heruntergekommener Spielplatz für das eigenwillige Kind, das in wechselnden Buddelkästen seine fragilen Sandburgen baut, auf denen unsensible Funktionäre mit Riesenlatschen herumtrampeln, wo schwatzhafte dumme Stasipetzen den allzu nachlässig buddelnden Knaben beim strengen staatlichen Vormund anschwärzen? Derweil der so ausgespähte es mit willigen Mädchen beim Doktorspiel treibt, immer wieder eine Neue aufs Lager zieht, ein neuer brechtscher Baal?

Doch, von alldem mag Castorf etwas haben – aber wen interessiert das schon?

Richtig, den Autorenclown Detje, der aus Selbstaussagen Castorfs (der immerhin sehr interviewfreudig ist, und einige Passagen des Buches kommen dem medienerfahrenen Leser sehr bekannt vor, hat doch Castorf das alles schon zu später Nachtstunde im Fensterprogramm von DCTP dem Alexander Kluge und anderen erzählt) und aus Befragungsfragmenten von Verwandten, Freunden und Wegbegleitern des Objekts seiner Menschenbildnerei seinen Entwurf vom Manne F. C. knetet.

Das ist das Fatale an der Bildhauerei: Sie hat immer mit der Schwerkraft zu kämpfen. Und was da nicht ausgewogen ist, was nicht die Proportionen beachtet, was keinen Schwerpunkt hat – das kippt schlicht und einfach vom Sockel, auf den es der Bildner stellen wollte. Den Schwerpunkt aber, dass Castorf nämlich Regisseur ist, Theatermacher, einer von außergewöhnlicher Qualität noch dazu, der nicht einfach Moden kreiert, wenn er die Klassiker auf der Bühne auseinander nimmt und neu zusammensetzt; der die Kulturbürokraten der DDR wie die Kunstbroker der Bundesrepublik gleichermaßen schockte, weil er beide nicht in ihren wohlkonservierten Vorurteilen es sich gut gehen ließ – den Schwerpunkt hat Detje nicht gefunden. Darum steht der Buch-Castorf auch auf so unsicheren Füßen. Castorfs Theater spielt in Detjes Buch nämlich die unbedeutendste Rolle. Wesentlich einprägsamer als die Inszenierungsanalysen sind die Beschreibungen der Partys in Castorfs Wohnung, in deren Verlauf die bezechten Damen die Treppen hinab stürzten. Die zahlreichen Bühnenfotos, mit denen der Verlag das Buch ausgestattet hat, bleiben im Text zumeist unkommentiert.

Castorfs Inszenierungen sind für Detje nur Karriereschritte, auf die inhaltlich weiter einzugehen sich für den Biographen offenbar nicht lohnt. Wer etwas über Castorfs Theater erfahren will, gar noch darüber, warum Castorf was wie inszeniert hat, der braucht dieses Buch nicht aufzuschlagen. Darüber steht hier nichts. Ob jedoch eine Künstlerbiographie das Schaffen dieses Künstlers ganz aussparen kann, scheint zumindest fraglich.

Aber vielleicht wollte Detje ja auch schlicht und simpel den Menschen hinter dem Werk zeigen, das Ostberliner Original, einem Leser, der Castorfs künstlerische Ansichten und Arbeiten kennt, nicht aber die Persönlichkeit, die dahinter steht? – Diese Absicht mal unterstellt, bleibt Detje trotzdem mit seinem Buch auch in dieser Hinsicht so gut wie alles schuldig. Mit flotter Schreibe huscht er über alle sich auftuenden Widersprüche in Vita und Schaffen Castorfs hinweg. Denn auch der Lebenslauf und die Lebensumstände des Frank Castorf werden einem unbefangen Leser aus diesem Buch kaum klar, außer dass der hier Porträtierte ein ewiger Egomane ist und mit wechselnden Partnerinnen ein Kind nach dem anderen zeugt. Castorfs Nachwuchs zumindest ist mit buchhalterischer Zuverlässigkeit aufgelistet, ebenso wie die wichtigsten Bettgenossinnen.

Der zeitgeschichtliche Hintergrund für die Castorf-Biographie bleibt hingegen im Dunkel. Die DDR mag Detje nicht (was verständlich ist) und er kennt sie nicht (was erklärlich ist). Dass er so wenig versucht hat, sie kennen zu lernen und dass er sie auf die wenigen Versatzstücke reduziert, mit denen auch die Boulevardpresse gern arbeitet, vor allem auf die „Stasi“, das ist nicht zu verstehen und einem Sachbuchautor nicht zu verzeihen. Sein Literaturverzeichnis jedenfalls weist keine intensive Auseinandersetzung mit dem DDR-Theater aus. So muss unverständlich bleiben, warum Castorf damals so viel Furore machte. Warum er auch heute noch mit jeder neuen Arbeit Aufsehen erregt, bleibt ebenso offen. Welche Motivlinien er verfolgt, warum er sich an die erzählende Prosa hält, den Roman, den osteuropäischen, russischen zumal, ist kein Thema für den Biographen Detje. Der leistet sich auch noch zahlreiche Recherchefehler, die bei intensiver Nachfrage bei den Informanten und bei sorgfältigerer Archivarbeit vermeidbar gewesen wären.

Zum Glück ist Detjes Buch auf dem Buchmarkt nicht das einzige über Castorf!

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Dieser Text wird bereitgestellt von iminform
Autor: Dr. Peter Hoff
veröffentlicht im Jahr 2003,
Erstveröffentlichung auf www.content-tv.com
Bitte stets das Urheberrecht des Autors/der Autorin beachten
(s.a. Hinweise zu Zitieren und Urheberrecht).

[iminform-Institut-fuer-Medieninformation-Peter-Hoff]

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