Selbstbilder und Sehnsüchte der Deutschen (Dirk Schneider)

Die Reitz-Chronik einer Zeitenwende: „Heimat 3“
(Dirk Schneider in Telepolis 15.12.2004)

Kann Film Heimat sein? Der Regisseur Edgar Reitz meint, „Ja“. Der dritte Teil seines facettenreichen Epos über Selbstbilder und Sehnsüchte der Deutschen scheint dies zu bezeugen und setzt sich wohltuend von dem aktuell grassierenden TV-Kitsch und geschichtsklitternden „Untergangs“-Filmen ab. Heimat 3 ist in sechs Teilen ab dem 15. Dezember jeweils um 20.15 Uhr in der ARD zu sehen.

Am Anfang steht das Happy End, dann beginnt die Erzählung. Sie beginnt am 9. November 1989, am Abend des Mauerfalls. Karrierestreß und Heimatlosigkeit plagen den Musiker und Dirigenten Hermann Simon und die Sängerin Clarissa Lichtblau. In einem Westberliner Hotel trifft das Ex-Liebespaar nach 17 Jahren zufällig aufeinander. Die Aufbruchs-Euphorie im Wiedervereinigungstaumels steckt an, die historische wird zur privaten Wiedervereinigung und das Liebespaar macht sich auf den Weg in den Hunsrück.

Ein romantisches Fachwerkhaus, das Günderrode-Haus, hoch über dem Rheintal hat es ihnen angetan und wird von nun an zum Schnittpunkt der parallel erzählten und ineinander verflochtenen Geschichten, der „Polyphonie der Ereignisse“.

Das „glücklichste Volk der Welt!“ lautet konsequent die erste Folge, angelehnt an den Ausspruch von Walter Momper vom 10. November ’89 vor dem Bundestag. Wenn 10 Jahre später, zur Jahrtausendwende, die erzählerische Bilanz von Reitz endet, klingt dieser Spruch nahezu exotisch. Dann ist der „Abschied von Schabbach“, dem fiktiven Ort, angesagt.

Heimatbegriff und Geschichtsentsorgung

Heimat, ein Begriff, der aktuell wieder durch Debatten um Patriotismus (vgl. Die Stunde der Patrioten) und die sogenannte Leitkultur (vgl. Anpassung an eine „europäische Leitkultur“?) nationalistisch vereinnahmt wird, war für Edgar Reitz schon zu Beginn der Heimat-Trilogie in den 1980er Jahren nicht unproblematisch, war es seinerzeit doch ein Unwort. So hieß das Filmprojekt der ersten Heimat zu Beginn der Dreharbeiten noch „Geheischnis“, ein Hunsrücker Dialektwort, das so viel wie Geborgenheit, menschliche Nähe bedeutet. Doch letztlich wollte er den Begriff nicht einer politisch belasteten Deutung überlassen

Es war mit lauter negativen Erinnerungen belastet. Heimat war bei den Nazis ein Propagandawort. Dann gab es in den fünfziger Jahren die seicht-kitschigen Heimatfilme. Ich war aber überzeugt davon, daß man das Wort von diesem Ballast befreien kann, und sagte mir: Weder die Nazis noch die Folklore-Musiker haben das Wort erfunden; sein wahrer Inhalt ist eigentlich unschuldig. Der Begriff Heimat hat eine große kulturgeschichtliche Vergangenheit. Ich sah bedeutende Philosophen an meiner Seite, die sich damit auseinander gesetzt hatten, zum Beispiel Ernst Bloch. In seinem Prinzip Hoffnung heißt es: „…so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“ Der Satz enthält die Vorstellung, daß Heimat etwas ist, das jeder von uns verloren hat.
Edgar Reitz

Das Verlorene aufzugreifen, gleichzeitig die Blut- und Bodenideologie der Nazizeit zu brechen, das gelang Reitz mit seinem vielschichtigen Filmzyklus, der nunmehr auf 30 Filme mit einer Gesamtlänge von 54 Stunden angewachsen ist. Heimat und Die zweite Heimat gelten mittlerweile international als Meilensteine der Film- und Fernsehgeschichte. Das Erfolgsgeheimnis liegt in der Mobilisierung kollektiver Erfahrungen und Erinnerungen, und das ist das bemerkenswerte, jenseits nationalstaatlicher Grenzen.

„Die Zuschauer sehen mehr als nur einen Film: Ihr eigenes Leben wird zum Thema und zum ästhetischen Gegenstand“, so der Anspruch von Heimat 3. Entsprechend der tiefgreifenden politisch-ökonomischen Umwälzungen seit 1989 nennt sich der Heimat 3 „Chronik einer Zeitenwende“. Sie kommt zur rechten Zeit und stellt sich quer zu den rückwärtsgerichteten Umdeutungs- und Versöhnungsfilmen wie „Der Untergang“ und den eskapistischen Heimatfilmen, siehe z.B. „Bergkristall“.

Während im „Untergang“ (vgl. Geburt einer Nation in der Illusionsmaschine) die, seit dem Historikerstreit 1984 eingeleitete und durch den Zusammenbruch der DDR verstärkte, geschichtspolitische Wende im bundesrepublikanischen Kino in einem melodramatisch mythisierten Hitler als Opfer seiner selbst gipfelt, verzichtet der Heimatfilm Bergkristall auf jegliche politischen oder historischen Bezüge, flüchtet in die Welt des klassischen deutschen Heimatfilms, technisch modernisiert und inhaltlich gut-menschelnd aufgepeppt.

Was Hannes Heer in seinem Buch „Vom Verschwinden der Täter“(vgl. Umbau der Erinnerungspolitik) kritisiert, beschreibt Peter Hoff für das gegenwärtige TV-Programm in seinem Text „Entsorgung der Geschichte“ beispielhaft an der Entsorgungstätigkeit im ZDF durch Guido Knopp:

Die Personalisierung des Nazireiches über die psychologische oder soziologische Analyse seiner Repräsentanten und deren populäre Erläuterung als geltungssüchtige Versager, … , die Ästhetisierung des Furchtbaren entlastet die Masse der „willigen Vollstrecker“. Wieder bleibt der historische Zusammenhang der Nazi-„Bewegung“ undurchschaubar. Knopp vermeidet die politische und soziale Analyse des deutschen Faschismus. Bei Knopp bleibt der Nazistaat im Endeffekt eine Zusammenrottung von fragwürdigen Einzelcharakteren um den schrecklichen Magier Adolf Hitler. Die emotionsüberladenen Clip-Montagen lehren uns das Gruseln, nicht das Denken. „Gefühl ist alles …“ – das Nazireich als Hitler-Horror-Picture-Show.

Gegenüber den „Hitler-Horror-Picture-Shows“ haben es TV- und Kino-Produktionen, die sich kritisch mit der Gegenwart in Deutschland auseinandersetzen, schwer, obwohl sie immer wieder auf ein interessiertes Publikum treffen, wie z.B. die Filme von Andreas Dresen („Nachtgestalten“). Dies liegt daran, daß die traditionellen Medien, wie Film und Fernsehen ihre soziale Koordinierungsfunktion aufgegeben haben, wie Hoff analysiert:

Sie wollen und können nicht mehr soziale und politische Richtwerte vermitteln, weil sie ihrerseits, da sie aus gesellschaftlichen Zusammenhängen herausgenommen und in privaten Besitz (oder in parteipolitische Verfügungsgewalt) überführt worden sind und folglich wiederum individuellen (oder politischen Gruppen-) Interessen und Bedürfnissen unterworfen, die nicht die Bedürfnisse und Interessen der Mediennutzer als weitgehend undifferenzierte Masse sind. Die klassischen (Informations-) Medien, allen voran das Fernsehen, sind zu „Null-Medien“ (Enzensberger) geworden, die nur noch eine Funktion erfüllen: ihr Publikum zu unterhalten.

Dagegen zeigt Edgar Reitz, der ebenso den Verlust des Narrativen im Fernsehen beklagt, in Heimat 3 die aktuellen gesellschaftlichen Brüche des letzten Jahrzehnts auch im veränderten Heimatbegriff seiner filmischen Protagonisten. In der ersten „Heimat“ ist das fiktive Hunsrückdorf Schabbach ein Sinnbild der Provinz, das „hinter dem Mond zu liegen scheint“, gleichzeitig aber ein Ort, an dem man beobachten kann, was die Welt im Innersten zu bewegen scheint, nämlich die Stimmungen, denen die Menschen unterworfen sind.

Reitz glaubt nicht, daß die Politiker oder andere Mächtige die bewegende historische Kraft sind. Sie sind lediglich Indizien, Manifestationen allgemeiner Zustände und Wirkungen z.B. des Kapitals. So sehr sich auch der Einzelne wünscht, die Welt verändern zu können, bleibt dies eine Sehnsucht, angesichts anonym erscheinender Kräfte.

Die Flucht aus dieser Provinz ins Großstädtische, aus dem Hunsrück nach München, ist dann auch das Thema der „Zweiten Heimat“, das Aufbegehren und gleichzeitige Erschaffen eigener, neuer Heimaten in künstlerisch-politischen Communities rückt ins Zentrum. Mittlerweile ist das klassische Informationsgefälle zwischen Stadt und Land verschwunden, das Ende der Provinz scheint erreicht zu sein. „Heimat bezeichnet nicht mehr den Ort, an dem man verwurzelt ist, sondern die Zeit, in der man sich bewegt.“, so Edgar Reitz im Presseheft. Passend zum aktuellen Patriotismusgehabe in der Politik äußerte der Regisseur im Magazin der Frankfurter Rundschau vom 11.12.2004:

Ich habe die Nation Deutschland noch nie als meine Heimat begriffen. Das ist mir zu abstrakt für das Gefühl. Heimat hat für mich immer mit konkreter Erinnerung zu tun. Leute, die Heimat politisch definieren, sie vermarkten, …, die Volkstum pflegen und dergleichen, schädigen den Begriff… .

Neben der Generation der jetzt „Alten“, wie dem Sonderling und Einzelgänger Ernst Simon, ausdrucksstark von Michael Kausch verkörpert, steht beispielhaft für die Generation der heute 30-Jährigen die Figur der Lulu, Hermanns Tochter. Das mythische Heimatgefühl der Elterngeneration ist verloren, ständig unterwegs, ungebunden und nicht verortet, ist Lulu (Nicola Schösslers Kinodebüt) die Schlußeinstellung der Trilogie gegönnt. Tränen der Trauer rinnen über ihre Wangen, dies ist der Moment, in dem sie sich emotional öffnet und gleichzeitig ratlos in die Zukunft blickt.

Entwertung der Familie

Nach 25 Jahren Filmarbeit an der Familiensaga fordert Reitz im FR-Magazin, daß sich die Gesellschaft mit dem Thema Familie neu auseinandersetzen muß, „Die Deutschen werden merken, was für ein Fehler es war, die Familie so zu entwerten.“

Als er selbst Anfang der 60er Jahre nach München kam, war er der Überzeugung, daß die schlimmste aller Neurosenküchen, die Familie, mit ihren traditionellen Verbindungen gekappt werden müsse, um sich frei entwickeln zu können. Doch die Erfahrung zeigt, Distanz schafft keine Befreiung, denn die scheint Reitz unmöglich, da die Welt der Kindheit niemals selbst erschaffen werden kann und die Familie stets, fast naturgegeben existiert. Mutter, Vater und Schwester bleiben was sie sind, man wird sie nie los. Einem Freund kann man die Freundschaft kündigen, einem Bruder die Verwandtschaft nicht. Seine Entsprechung findet diese Sicht in Heimat 3 in der aufrichtig-kritischen Grabrede von Ernst für seinen Bruder Anton, mit dem er bis zu dessen Tod nicht ins Reine kam.

Die ernsthafte künstlerisch-kritische Auseinandersetzung mit der Familie, der Liebe und letztlich auch dem Heimatbegriff in einem Film, der sich von den herkömmlichen Soaps und dem gegenwärtig staatstragenden Geschichtskino abgrenzt, ist ein Glücksfall für Kino und Fernsehen und die weitgehend verkitschten Massenmedien.

Erfreulich ist daher die „beste Sendezeit“ von Heimat 3 um 20.15 Uhr in der ARD, bitter dagegen die Quotenfixierung selbst im gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Fernsehen, die zur Kürzung der Kinoversion um über 100 Minuten führte, damit die sechs Teile jeweils in das 90-Minutenschema gepreßt werden können. Dagegen hat sich u.a. auch im Internet Protest formiert.

Das Einschalten lohnt dennoch, auch um zu zeigen, daß das Publikum ein eigenes Interesse an einem anderen Blick auf die Dinge hat. Wer wirklich alles sehen möchte, dem bleiben nur der Kinobesuch oder der Kauf der DVD. Eine Fortsetzung bahnt sich an, ein „Fußnotenfilm“ zu Heimat 1-3, doch wird es keine 4. Heimat sein, denn die 10 Jahre Kampf und 11 Drehbuchfassungen, die Reitz brauchte, bis die deutschen Fernsehverantwortlichen zufrieden waren, brachten ihn mehrmals an den Rand der Verzweiflung. Es warten 150 schon gedrehte, kleinere Geschichten der rund 300 Charaktere, die sich bisher nicht in die Trilogie einbauen ließen.

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Dieser Text wird bereitgestellt von iminform
Autor: Dirk Schneider (2004)
Erstveröffentlichung auf Telepolis (heise online) am 15.12.2004
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/19/19022/1.html
Bitte stets das Urheberrecht des Autors/der Autorin beachten
(s.a. Hinweise zu Zitieren und Urheberrecht).

[iminform-Institut-fuer-Medieninformation-Dirk-Schneider]

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